Leseprobe

Am frühen Abend steigt Scratch auf dem Bahnhof des kleinen Fischerdorfs aus. Seine Neugierde auf diese Finca ist mittlerweile so groß wie  ein ganzer Kontinent.

„……….In den Straßen war nun Feierabendstimmung. Menschen und Vehikel schwirrten durcheinander, um letzte Besorgungen oder Handgriffe zu tätigen und eher zufällig entdeckte ich in dem Getümmel ein Taxi, das allerdings verlassen dastand. Im Fenster hing eine Telefonnummer für den ganz normalen Fall, dass jemand wie ich ein Taxi brauchte. Nun fehlte mir nur noch das Telefon. Ich hatte keins, ich sah keins und mir oblag somit das vertrauensvolle Warten auf einen baldmöglichst auftauchenden Fahrer.
Manchmal bin ich wirklich stolz auf mich. Während ich mir einen Glimmstängel rollte, fiel mein Blick auf eine spelunkig wirkende Bar mit einem im auffrischenden Abendwind quietschenden Anker über der Eingangstür. Messerscharf brachte ich das leere Taxi und die randvolle Bar in Verbindung und stieß kurz darauf die Tür dieser Ankerbar auf, stellte mich mitten in den Raum und rief einfach: “Taxi?”, was ich witzigerweise wie eine Frage betonte, so als wäre ich der Fahrer.
Bis zu beiden Ohren grinsend in seinem etwas geröteten Gesicht, schälte sich ein Mann aus der Reihe an der Bar, dessen grauer Leichtstrickpullover sich über seinem Bauch spannte, wie ein Segel im Sturm, und kam eher mühevoll auf mich zugestackst.
“Si, Señor, pronto. Voy.”
Und gleich darauf redete er auf mich ein, ohne sich die Mühe zu machen, mein verzweifeltes Gesicht zu s-e-h-e-n, was ihm unmissverständlich gezeigt hätte, dass ich nicht ein Wort verstand.
“English…?”, stammelte ich endlich.
Ruckartig hielt er inne und schüttelte dann bedauernd den Kopf. Er sah mich von oben bis unten an, als wäre ich erst jetzt ein Fremder für ihn geworden.
“Francés?”, fragte er hoffnungsvoll und ich sah erstmals meine Felle schwimmen. Als gesprochene Sprache war sie mir gänzlich fremd. Ich wurde wohl blass, denn mit einer beschwichtigenden Geste seiner behaarten Pranken startete er einen letzten Versuch.
“Deutsch?”, wobei er es eher wie “dutch” aussprach.
Erfreut nickte ich und machte den gleichen Fehler wie er: Ich laberte auf ihn ein, nur dass er nickte, so tat, als würde er alles verstehen, und am Ende wieder fragte: “Dutsch? Iccch ben ain Berliner”, nuschelte er grinsend. Ich verstand es erst beim fünften Wiederholen, um darüber leicht verkrampft zu lachen. Es war scheinbar der einzige deutsche Satz, den er konnte.
Also ackerten wir zwei unser Ding in brüchigem Spanisch und mit Händen und Füßen durch. Fatalerweise war mein guter alter Langenscheidt ebenfalls in den Fängen dieser Bahnhofsdiebin hängen geblieben. Der Taxifahrer zog mich zunächst an die Bar zum Reden, wie er, sich nun auf eine deutliche Aussprache konzentrierend, kundtat. Aus dem Nichts tauchte ein Gläschen tiefroten Weins vor mir auf.
“Toni”, stellte er sich vor, “Yo…”, er deutete mit seinen zwei Handflächen zu sich, als gäbe er Sprachunterricht, “…. Toni”, um sie dann auf mich zeigen zu lassen und mich fragend anzublicken.
“Scratch. Yo, Scratch”, antwortete ich brav, und dachte noch, dass ich ja eigentlich nur ein Taxi wollte.
Weitere fünf Minuten vergingen mit seinen Bemühungen, meinen für spanische Zungen kaum aussprechbaren Namen hervorzubringen. Am Ende kam “Eskretx” dabei raus und im weiteren vermied er es, ihn auszusprechen.
Jedenfalls ging es dann beim dritten Weinglas um die Adresse der Finca. Ich zerrte diese escritura aus der Reisetasche und sah schon an der Bewegung seiner borstig abstehenden Augenbrauenpuscheln, dass es Probleme geben würde. Gemeinsam durchforsteten wir dieses Schriftstück und fanden dann endlich die Adresse der Finca: Parzelle 57 Polygon 25. Toni schüttelte bedauernd den Kopf, als gäbe es diesen Ort nicht mehr.
Während es draußen langsam dunkel wurde, versuchte ich das Problem zu verstehen. Es handelte sich bei den Angaben natürlich um die Parzellennummer des Grundstücks, welches jedoch, da es sich im nicht urbanisierten Gemeindegebiet befand, keine Adresse hatte. Da müssten wir erst mal zur Polizei, meinte Toni abschließend, knallte eine Handvoll Kleingeld für die fast entleerte Weinflasche auf die Theke, und zog mich hinter sich her. Diese drei oder vier Gläschen hatten mich etwas angeheitert und ich dachte mir zunächst nichts dabei, als wir über die mittlerweile dunkle Straße zu seinem Taxi zockelten.

Bald darauf fuhren wir einen schmalen Feldweg entlang, rechts und links von Natursteinmauern gesäumt und viel zu schmal für zwei Autos. Unzählige bizarre Olivenbäume huschten, kurzzeitig beleuchtet von den Lichtkegeln des Taxis, vorbei. Bei der Lokalpolizei hatte man uns ausgestattet mit der Kopie einer Karte, auf welcher der Oberwachtmeister höchstpersönlich den Weg zu meiner Finca eingezeichnet hatte. Selbiger hatte mich übrigens zu echter Rührung veranlasst – ein Gefühl, das ich bis dahin in dieser Form noch nie erlebt hatte – indem er mit feierlicher Miene seine Kappe abnahm und mit freundlich-festem Griff meine Hand drückte, um mir sein aufrichtiges Beileid zum Tod meines Vaters zu wünschen, den er wohl, wenn ich es richtig verstanden hatte, zusammen mit einem Kollegen im zerbeulten Auto gefunden hatte.
Die Fahrt zur Finca erschien mir endlos lang. Ab und zu ließ ein fernes Lichtlein auf eine bewohnte Behausung schließen, aber insgesamt hüllte sich rechts, links und hinter dem Taxi alles in die perfekte Schwärze einer mondlosen Nacht. Endlich dann bog Toni rechts auf ein Grundstück ein und im Schlagschatten seiner Scheinwerfer tauchte nach einigen Metern ein Haus auf, von dem er behauptete, das sei es.
Im Nachhinein fragt man sich immer, was man denn eigentlich erwartet hatte und disqualifiziert alle träumerischen Vorstellungen zu Naivität, Größenwahn, Idealismus. Immerhin hatten sie mich hierher geführt, aber beim Anblick dieses Anwesens zerplatzten sie mit einem fast hörbaren Knall.
Das Haus war zwar viel größer, als ich es mir ausgemalt hatte, mutete aber an, wie eine halb fertig verlassene Baustelle. Ein an der Längsseite aufgebautes Gerüst sollte wohl dazu dienen, die erst halbhoch verputzte Mauer fertigzustellen. Ein Eimer schaukelte daran im brausenden Wind, der mir fast die Autotür aus der Hand riss.
Toni stieg auch aus, um sogleich fluchend mit dem Gleichgewicht zu kämpfen, das er beim Stolpern über einen mitten in der Landschaft herumliegenden Sandhaufen verloren hatte. Dann redete er wieder aufgeregt auf mich ein. Ich war wie paralysiert, starrte auf eine Holzplatte mit aufgeschraubtem Schloss, die offenbar die Eingangstür darstellte. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich ja gar keinen Schlüssel für das Haus hatte, was jedoch in Angesicht dieser Tatsachen kaum eine Rolle spielte. Plötzlich wild entschlossen griff ich nach meinem Letherman, friemelte mir den Kreuzschlitz hervor und löste den Riegel von der schäbigen Holzplatte, um die Tür mit einem Ächzen aufzustoßen.
Echte Landhausluft wehte mir aus dem Raum in die Nase – der Geruch nach im Kamin verbranntem Holz, das die Glocke schwärzt und die Räume mit seinem Duft tränkt. Erwartungsgemäß erkannte ich im scharfkantigen Lichtschein des geduldig surrenden Taxis ein ähnlich anmutendes Chaos wie außen. Enttäuscht presste ich meine Lippen aufeinander, um nicht laut loszujammern und ich dachte mir, okay, alles klar, so sieht sie also aus die Finca.
Auf Toni warteten Fahrgäste im Dorf und er bedauerte, nicht länger bei mir bleiben zu können. Er spürte wohl meine Verlorenheit, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und versprach, bei Gelegenheit mal wieder vorbeizuschauen. Plötzlich stand ich nur in Begleitung meiner Reisetasche in der rauschenden Dunkelheit wogender Baumkronen.
Das Gerüst klapperte, der Eimer schörbelte, die Tür quietschte. Ansonsten hörte ich nichts. Ich fühlte mich völlig allein und bevor die Beklemmung mich erstarren lassen konnte, trat ich in den Raum, um nach dem Lichtschalter zu tasten. Aber außer einem Klicken tat sich nichts. Klick-klick, versuchte ich es weiter, aber der gute alte Osram erschien einfach nicht. Wahrscheinlich haben sie ihm den Strom abgestellt, erklärte ich mir diese neue Überraschung und durchwühlte gleich darauf meine Tasche nach der Maglite. Dabei verfluchte ich meine Nachlässigkeit, denn ich hatte sie schon länger nicht mehr benutzt und war schon fast darauf gefasst, sie würde nicht funktionieren. Was sie dann auch nicht tat.
Ich war kurz davor loszuheulen. Nichts an diesem Tag hatte so geklappt, wie es sollte und nun sackte ich wie ein klägliches Häuflein im Türrahmen nieder, umgeben von einer nahezu undurchdringbaren Schwärze. Einige Zeit blieb ich so, innerlich einen Kampf austragend gegen die unwillkürlich existierenden Gesetze eines jeden Daseins. Ich dachte an die vergangenen Tage, wo ich kurzzeitig mit dem erhabenen Gefühl hatte leben dürfen, etwas geschenkt bekommen zu haben. Nun fühlte ich mich eher, wie von einem Fluch getroffen.
Trotzdem erhob ich mich nach einer Weile und kramte in meiner Jeans nach meinem BIC, um gleich darauf im zuckenden Schein dieses kleinen Flämmchens auf die Suche nach einer Kerze zu gehen, die ich aber so ohne Weiteres nicht finden konnte. Dabei fiel mir der Kühlschrank auf, den ich sofort aufriss und begeistert feststellte, dass er funktionierte. Also musste es ja auch Strom geben. Nur wo?
Fast randvoll gefüllt mit Dosenbier bot sich mir ein echter Trost in dieser Situation. Mit einem Knacken öffnete ich die kühle Verheißung und pumpte sicherlich einen Viertelliter einfach so ab. Sofort ging es mir ein bisschen besser, obwohl es echt deprimierend war, in dieser stockdunklen Küche meinem eigenen, gierigen Schlucken und dem darauffolgenden, im leeren Haus verhallenden Rülpser zu lauschen. Auf einmal war ich einfach nur noch müde, wie erschlagen.
Mit immer kleiner werdender Flamme tat sich im hinteren Teil des Raumes eine Couch auf, übersät mit einigen Jacken, Hosen und Pullis, die ich einfach auf den Boden fegte. In meinem Kopf sausten all diese ungewöhnlichen Eindrücke des ganzen Tages umher. Am Morgen war ich hoffnungsfroh in Köln aufgebrochen, jetzt fühlte ich mich frustriert und von der Situation völlig überfordert. Ich muss mit der leeren Bierdose, eingeklemmt wie ein Gebetbuch zwischen meinen Händen auf dem Bauch, eingeschlafen sein, denn so wachte ich früh am nächsten Morgen auf……….“

Auszug aus Unter Blau – Ein Spanienroman von Stephanie Posselt

Auf dem Olivenhain in Spanien ändert sich für Scratch alles. Tauchen Sie mit seiner Geschichte Unter Blau ein in die spanische Lebenslust, ins mediterrane Klima und die landestypischen Eigenheiten.

Erhältlich als:
Printausgabe 452 Seiten, 17,12 € hier kaufen
E-Book 5,44 € hier kaufen