Home Mediterrane Geschichten Holaaaaa

Holaaaaa

Feuer

Holaaaaaa

“Schau mal, dieser Agame hier. Er gehört zur Rasse der Agamidae und sieht original aus wie ein Mini-Dinosaurier. Es gibt davon nur noch sehr wenige Exemplare hier in Spanien. “

Er schaut sich das Foto der grünlichen Echse genau an. Julias Erklärungen hört er nur noch mit einem Ohr. Irgendwas an diesem Viech löst eine völlig gegensätzliche Reaktion in ihm aus. Das Tier ist hübsch anzusehen, bestechend in seiner urigen Körperlichkeit, und doch stößt ihn irgendetwas daran ab; mahnt seine innere Stimme ihn zur Vorsicht.

„Was meinst du?“, holt ihn die Frage aus seinen diffusen Ängsten. Julia schaut ihn fordernd an und wiederholt dann ihren Vorschlag. „Wir fahren in die Berge und suchen den Agamidae. Hast du Lust?“

Er zögert. „Bei dieser Hitze?“, wendet er ein. Aber daran ist nun einmal nichts zu ändern. Schließlich ist Sommer. Und Urlaub. Sein Erster mit dieser teuflisch tollen Julia. Seit einigen Monaten sind sie unzertrennlich; durchfräsen die heimatliche Großstadt, getrieben von unersättlicher Entdeckungslust, die ihnen beiden zu eigen ist. Jetzt befinden sie sich allerdings in Urlaub in diesem herrlich wilden Spanien, wie Julia ihr Lieblingsland bezeichnet. Steffen muss sich sein Bild dazu erst noch machen. Für ihn ist dieses Fleckchen ganz neu und eigentlich weiß er bisher nur eines ganz genau: In Spanien ist es extrem heiß. Zumindest im August.

„Dann lass uns aber früh am Morgen dort rausfahren“, fordert er bezüglich der Echsen-Erkundungsexkursion und das Vorhaben gilt als beschlossene Sache.

 

- 1 -

Die zwei haben Glück. In der Nacht vor ihrem geplanten Ausflug kühlt ein heftiges Gewitter die Atmosphäre wohltuend ab. Der Tag umarmt sie mit einer anregenden Morgenfrische. Der Himmel ist stahlblau, kein Wölkchen stiehlt sich über die monochrome Fläche. Nur die Bäume und Sträucher wirken mehlig, brachten doch Blitz und Donner keinen Regen mit, der den Staub von ihnen abgespült hätte.

Es riecht intensiv nach Pinie, als sie ihr Auto am Rande des Waldweges abstellen. Steffen nimmt bewusst einige tiefe Atemzüge dieser ätherisch getränkten Luft. Hand in Hand stapfen sie los, fiebrig nicht vor Hitze sondern vor Entdeckungsfreude.. Beide tragen einen Rucksack, wobei Steffens einige Getränke und ein kleines Frühstück enthält, während Julia die Forscherutensilien auf dem Buckel trägt: ein Fernglas, die Digitalkamera, ein Notizheft, Bleistift, Kuli, Brille und so fort. Die zwei sind erfrischt, ausgelassen und so hallen an diesem Morgen fröhliche Stimmen über die Hügel, die den Anfang eines mächtigen Bergmassivs bilden, das sich dahinter kilometerlang in den Himmel wölbt.

Übrigens hält Julia die Begegnung mit einer dieser Echsen für sehr unwahrscheinlich. Aber davon sagt sie Steffen nichts. Sie wollte ihn nur auf diesen Ausflug locken. Irgendetwas an diesen Bergen zieht sie magisch an. Es kommt ihr so vor, als würden sie eine einmalige Erfahrung versprechen. Und diese will sie auf keinen Fall verpassen.

Schon nach etwa einer Stunde ist die nächtliche Abkühlung gänzlich zur Erinnerung geworden. Die Sonne steigt unbeirrbar gen Süden und brennt auf die trockene Landschaft hinab. Der anfangs kühle Wind verwandelt sich langsam aber sicher in das Gebläse eines überdimensionalen Föns. Die Beiden haben sich ein schattiges Plätzchen im dichten Pinienwald gesucht, um ihr Frühstück im Gebirge zu zelebrieren. Es gibt einige Madalenas, eine Thermoskanne kühlen Zitronentee, eine kleine Obstauswahl. Julia sitzt an einen dicken Pinienstamm gelehnt und mümmelt zufrieden vor sich hin, Steffen nippt genügsam an seinem Tee.  Im Moment sagt keiner etwas. Heftiges Schilpen und Zirpen bildet die Geräuschkulisse, untermalt von dem zu- und abnehmenden Brausen der Baumkronen. Die Atmosphäre ist recht besinnlich und entspannend. Wäre da nicht das Tosen des heißen Windes, das Steffen aus irgendeinem Grund plötzlich heftig beunruhigt.

„Was ist denn mit den Vögeln los?“, wundert sich Julia eine Weile später. „Von jetzt auf gleich sagen sie keinen Ton mehr.“

Steffen horcht auf. Und tatsächlich, bis auf das Brausen des Windes ist nun alles mucksmäuschenstill.

„Keine Ahnung“, antwortet er, „vielleicht wird es denen schon zu heiß und die machen eine kleine Siesta“, scherzt er.

Während sie ihre Rucksäcke wieder schultern, um weiter zu ziehen, erwacht der vordem verlassen wirkende Forst zu einigem Leben. Auf einmal knacken Zweige, es raschelt und wuselt. Eine Hasenfamilie prescht mit angstgeweiteten Augen auf Julia zu, schlägt dann jedoch noch rechtzeitig einen schnellen Haken. Noch ehe sie Verwunderung darüber äußern kann, ruft Steffen aufgeregt: „Sieh mal dort, ein ganzes Rudel Füchse!“ So schnell jagen sie durchs Gebüsch, dass Julia nur noch die wuscheligen Schwänze verschwinden sieht.

Instinktiv greift sie nach der Kamera. Hier scheint was abzugehen, denkt sie und hofft gleichzeitig, auch eine Agame würde es mitten in ihre Kameralinse treiben. Hektisch kramt sie in ihrem Rucksack. „Ob die hier wohl eine sommerliche Treibjagd veranstalten?“, gibt Steffen zu bedenken, der zu Zynismus neigt, sobald ihn Angst durchfährt. Denn diese breitet sich gerade als allumfassendes, lähmendes Gefühl in ihm aus.

Julia hat die Kamera endlich gefunden. Wie eine Trophäe zieht sie sie hervor, hält aber dann gebannt inne. Sie schnüffelt, konzentriert sich ganz auf den Geruch, den sie mit ihrer Nase wahrnehmen kann. Es ist dann Steffen, der ruft: „Julia, es riecht nach Feuer!“

 

- 2 -

Sie rennen, so schnell sie können. Rennen mit dem Wind, der Rauchfahnen an ihnen vorbeijagt. Noch ist das Zischen, Prasseln und Knacken aus einiger Ferne zu hören. Dennoch treibt Steffen Julia zur Eile an. Die ausgetrockneten Bäume, Büsche und Sträucher sind bester Zündstoff für wütende, vom Wind angepeitschte Flammen, das malt er sich deutlich aus. Sein Ziel ist das Auto und mit einigem Glück würden sie es dorthin schaffen.

Plötzlich macht der Weg jedoch eine steile Rechtskurve. „War die vorhin auch schon da?“, wundert sich Steffen in Gedanken und prescht weiter. Jetzt jedoch zaust ihm der Wind die Haare seitlich ins Gesicht. Sie bleiben an seinem Schweiß kleben, der an ihm herunterläuft wie Löschwasser. „Steffen“, kreischt Julia kurzatmig, „wir sind jetzt parallel zum Feuer.“ Als ob er das nicht wüsste. Er antwortet nicht, legt lieber noch ein paar Zentimeter zu bei jedem Schritt nach vorne. Allein schon deshalb, um Julia anzuspornen, die immer weiter zurückbleibt.

Dann gibt es einen Ohren zerfetzenden Knall. Steffen sieht im Geiste seine schönen Golf explodieren. Dafür bedient er sich der Bilder aus Filmen, in denen so etwas ein völlig alltägliches Geschehen ist. Überhaupt erwacht in ihm nun der Habitus des Action-Film-Helden. Er wechselt ohne zu Zögern die Laufrichtung, greift sich seine Julia am Handgelenk und rennt quer waldein vor dem Feuer davon.

Zweige schlagen ihnen ins Gesicht, dornige Ranken versuchen sie zu Fall zu bringen und um sie herum kreucht und fleucht der Waldboden. Panisch flieht auch das Tierreich vor dem heranwalzenden Flammenmeer. „Wirf den Rucksack ab!“, befiehlt er seiner Liebsten, die er derweil mitzerren muss, weil ihr die eigenen Kräfte versagen. Julia zögert. Steffen zerrt. Schließlich reißt er ihr selbst den Rucksack ab und schleudert ihn wütend zu Boden. Julia kreischt. Steffen zerrt.

Zu ihrer großen Erleichterung lichtet sich die grünbraune Wand vor ihnen und macht einer langen Ebene Platz, deren trockener Gräserteppich im Winde wogt und die Stämme betagter Mandelbäume umspielt. Mitten drinnen prangt ein heruntergekommenes uraltes Gutshaus, das den beiden wie eine rettende Insel erscheint. „Endspurt“, ruft Steffen hoffnungsvoll und Julia schafft es dann doch noch, einige Laufschritte vor ihm dort anzukommen.

Sie rütteln an der zweiflügeligen Tür, die erstaunlich intakt und noch dazu felsenfest verriegelt in dem brüchigen Mauerwerk ruht. Nur im ersten Stock gibt es eine Fensterreihe, die klaffend auf die herannahende Feuersbrunst blickt. Kurz entschlossen durchwühlen sie den angrenzenden Holzschuppen, dessen Tür aus gutem Grund offen steht, befindet sich dort doch nur lauter Müll. Unter anderem auch eine Leiter, die so morsch geworden ist, dass sie in Steffens Händen zerfällt.

Der Himmel hat sich mittlerweile völlig verdüstert. Über ihnen breitet sich eine dunkle Rauchwolke aus, die der Feuerwelle eifrig vorauszieht. Die zwei müssen nun fast schon schreien, um den Lärm des im Flammenmeer sterbenden Waldes zu übertönen, das immer näher an sie herankommt. In diesem Moment denkt Steffen zum ersten Mal daran, in den Flammen sterben zu müssen. Wut übermannt ihn, ja, echter Zorn. So war das nicht geplant. Übereifrig sieht er sich um und entdeckt dann neben dem Haus ein niedriges gewölbtes Dach. Julia war seinem Blick gefolgt und ruft: „Da – die Zisterne. Komm!“, und eilt darauf zu. Steffen hat keine Ahnung, was eine Zisterne sein soll und vermutet einen Keller. Der Eingang dazu liegt zur feuerabgewandten Seite, was ihm einige Hoffnung macht. Jedoch befindet sich dort unten kein Keller, sondern ein riesiger Wasserspeicher von den Ausmaßen eines gediegenen Schwimmbades. Julia lacht völlig aufgedreht und hält diese Entdeckung für den glücklichen rettenden Zufall.

 

- 3 -

Das Feuer hat nun die Ebene erreicht. Erste Zungen lecken an den Gräsern, lassen den letzten Saft der öligen Mandelbäume aufjaulen, bevor sie wie Fackeln auf der grausig verdunkelten Wiese stehen. Steffen quetscht seinen athletischen Körper in die Luke, wo ein verrosteter Eimer an einer Zugkette hängt. Der Wasserspiegel liegt etwa einen Meter unter ihm. Vorsichtshalber greift er nach der Kette, mit der Absicht, sich daran abzulassen. Auf halbem Wege reißt jedoch die Verankerung aus der Seitenwand und Steffen landet mit einem lauten Platsch im Wasser.

Einen Moment stockt ihm der Atem. Das Wasser kommt ihm eiskalt vor und fast meint er, sein Schweiß würde an ihm festfrieren. Prustend rudert er mit den Armen und versucht gleichzeitig, mit seinen Füssen den Boden zu ertasten. Aber alles, was er erfühlt, ist eisige Tiefe. Noch bevor er Julia etwas zurufen kann, schlägt sie schon knapp neben ihm ein. Auch sie braucht eine Weile, um mit dem plötzlichen Wechsel klarzukommen. Dabei klammert sie sich an Steffen fest, der dadurch immer wieder untergeht und doch keinen Boden erfühlt.

Endlich haben sich die zwei an ihr neues Umfeld gewöhnt. Sie beginnen mit einigen kräftigen Zügen in diesem unterirdischen Schwimmbad herumzuschwimmen, um die Kälte zu vertreiben. Mit einem Mal nähert sich ein heftiges Dröhnen. „Da kommen Flugzeuge“, hechelt Julia atemlos. „Löschflugzeuge“, entgegnet Steffen mit vor Freude quietschiger Stimme. Sie werfen sich erleichterte Blicke zu, denn im Moment können sie ihr eigenes Wort nicht verstehen.

Zu dem Dröhnen gesellen sich nun auch noch mehrere Rotoren von Hubschraubern und einige Feuerwehrsirenen hinzu. Julia und Steffen ziehen wie Schwimmer im Training ihre Runden. Sie sind nun ganz ruhig; wiegen sich in der Gewissheit, in Sicherheit zu sein. Am abnehmenden Fluglärm können sie ausmachen, dass sich die Löschaktionen immer weiter von ihnen entfernen. Dann hören sie ganz in der Nähe einige aufgeregte Männerstimmen, die sich gegenseitig Kommandos zurufen.

„Zeit zum Aufsteigen“, schlägt Julia erleichtert vor und schwimmt fest entschlossen auf die Luke zu, als würde sie dort eine Schwimmbadleiter zum Hochklettern finden. Vor der glatt nach oben ragenden Wand hält sie verdutzt inne. „Hey Steffen,“ ruft sie über die Schulter, „wie kommen wir denn hier wohl wieder raus?“

 

- 4 -

Während Julia in einem fort „Hooooolaaaaa“ ruft, zerbricht sich Steffen verzweifelt den Kopf zu dieser erneut misslichen Lage. Sie hatten schon alles versucht. Zuerst war er auf ihren Rücken gestiegen, um an den verlockenden Lukenrand hoch über ihnen zu gelangen. Jedoch hatte er Julia nur tief hinabgedrückt und kam nicht annähernd dort hin. Dann versuchten sie es anders herum. Beim x-ten Anlauf bekam sie sogar den Rand zu fassen, riss dabei aber nur einen feuchten Stein aus der Wand, den sie wütend fortschleuderte. Plötzlich kommt Steffen eine Idee. Eine Szene aus den Piraten der Karibik fährt ihm durch den Sinn. Dieser Depp, jener Pirat, brachte darin das Wasser in einem Becken derart in Bewegung, dass die Welle ihn heraushob und befreite.

Er beginnt mit den Armen zu rudern. Hätte er die Welle über die Breite aufbauen müssen, wäre ihm das Unterfangen eventuell gelungen. Aber über die Länge misst diese Zisterne sicher 15 Meter. Steffen bekommt gerade mal eine sanfte Wiegebewegung des Wassers hin. Auch Julias Hilfe ändert daran wenig.

Völlig atemlos geben sie es auf. Julia weint; vor Anstrengung, aus Frust und sicher auch vor Angst. Er umarmt sie stumm und paddelt dabei mit den Beinen, um ihren und seinen Kopf über Wasser zu halten. „Wie trügerisch Glück doch sein kann“, denkt er und überlegt ernsthaft, ob verbrennen nicht ein wenig angenehmer gewesen wäre, als langsam aber sicher zu ertrinken. Dann horcht er auf.

Aus der Ferne nähern sich Stimmen. Aus vollem Halse ruft er nun auch dieses „Hooooolaaaaa“. Dazwischen macht er immer mal wieder eine Pause, um die Stimmen zu hören und Hoffnung zu schöpfen. Sie scheinen näher zu kommen und Julia hat endlich aufgehört zu schluchzen. Sie brüllt nun mit, kreischt hysterisch bei der Aussicht auf so viel Glück.

 


Per Funk stehen die tapferen Feuerwehrmänner in Verbindung. Sie tragen einen winzigen Stöpsel im Ohr, von dem ein dünnes Kabel mit Mikrofon in die Brusttasche führt. Der Einsatzleiter ordnet im sachlich-knappen Ton an, man habe ein Autowrack gesichtet und die Gruppe solle sich sofort aufmachen, um dort nach eventuellen Opfern zu suchen. Der Gruppenleiter gibt die Koordinaten in sein GPS ein und marschiert voraus. Das verkommene uralte Gutshaus lässt er links liegen.

 

Juli 2010

 

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