Home Unter Blau - Die Fortsetzung .....Katalonische Staatsanleihen.....

.....Katalonische Staatsanleihen.....



Katalonische Staatsanleihen

Fortsetzung "Unter Blau" Fragment - Scratch erzählt:

"......Im Dorf war jetzt eigentlich immer Feierabendstimmung. Das lag schlicht und ergreifend an dem Umstand, dass kaum jemand mehr Arbeit hatte. Die paar Läden, in denen kein Schild „Es ven“ hing, bildeten eine Art stille Kulisse für das dörfliche Treiben. Nachdem der Touristenansturm verschwunden war, gähnte das Angebot an Konsumgütern vor sich hin, der überteuerte Supermarkt wirkte wie ausgestorben und das noch übriggebliebene Personal drückte sich vor der Ladentür herum.

An allen Ecken wurde geplaudert, diskutiert und meist in heftig spanischer Manier auch gestikuliert. Es war noch recht warm für Oktober und die Tische an den Kneipen, die das Anti-Rauchergesetz, die Mehrwertsteuererhöhung und die zwangsläufigen Budgetkürzungen ihrer Stammgäste überlebt hatten, waren rappelvoll. In Deutschland hätten sich die Menschen unter den Auswirkungen der Krise wahrscheinlich bedeckt, bedrückt, ernst und verhalten gegeben. Das mediterrane Gemüt ließ sich so leicht jedoch kaum erschüttern. Es wurde gelacht und gescherzt und nur ein absoluter Kenner dieser Mentalität hätte die unterschwellige Besorgnis entdeckt, die sich hier in einem ruhelosen Blick widerspiegelte, dort in einer aufgesetzten Fröhlichkeit und da in einer nervösen Geste.

Ich saß unter lauter Einheimischen und bemühte mich, der Diskussion einigermaßen zu folgen. Es ging um die geplante Erweiterung des Dorfes, womit knapp zweitausend neue Wohnungen und Häuser geschaffen werden sollten. Die Meinungen gingen einhellig in eine Richtung: Es sei ein locura (Verrückheit) und eine große tonteria(Dummheit), so etwas überhaupt ins Auge zu fassen. Bedächtig nippte ich an meinem Bier und ordnete meinen spanischen Wortschatz. „Aber das bringt doch Arbeit hier ins Dorf“, warf ich schließlich ein, als ich den Satz zusammen hatte. Keiner reagierte darauf, alle redeten weiterhin querweg durcheinander. Diesen Umstand kannte ich bereits. Eine Diskussion verlief immer nach dem Motto, wer sich am lautesten äußert, verschafft sich Gehör. Also wiederholte ich meinen Einwand mit mehr Volumen und Nachdruck.

Pepe und Xavi gingen darauf ein. Gleichzeitig redeten sie beide auf mich ein und erklärten mir, dem Dorf würde das rein gar nichts an Arbeit bringen, da überregionale Firmen die Bauten ausführen würden. Und die würden ihre eigenen Arbeiterkolonnen mitbringen, sodass hier keiner etwas davon hätte. Das nächste Thema, das vom dicken Martí eingebracht wurde, löste dagegen heftige Kontroversen aus. Martí meinte, wir müssten alle tun, was wir könnten und sollten unsere Ersparnisse auf jeden Fall in die katalonischen Staatsanleihen investieren. Falls wir dies nicht schon letztes Jahr getan hätten. Ungefähr die Hälfte unseres Grüppchen pflichtete ihm entschieden bei, die andere Hälfte lachte ihn jedoch aus. Da könne man sein Geld gleich ins Meer werfen, hieß es unter anderem.

Da ich von diesen Anleihen bisher noch nichts gehört hatte, wendete ich mich an Pepe und bat ihn um eine Erklärung. Bereits letztes Jahr im November hatte die Generalitat sogenannte bonos patrioticos herausgegeben, um die aufgelaufenen Forderungen aus dem Gesundheitswesen zu begleichen. Es handelte sich um schlappe 3 Milliarden, gestückelt in Tausender-Anleihen, die tatsächlich reißenden Absatz bei den Katalanen fanden. Die Auszahlung dieser bonos stand nun kurz vor Fälligkeit, jedoch war von der damals versprochenen wirtschaftlichen Erholung leider nur das ganze Gegenteil eingetreten. Nun sollten diese Anleihen ein weiteres Mal aufgelegt werden, um die Fälligkeit der vorigen zu finanzieren.

Das sei ja das Ponzi-Schema, kommentierte ich Pepes Ausführungen, der sich in seinem Stuhl zurücklehnte, die Arme vor dem Bauch verschränkte und angriffslustig in die Runde starrte. „Ponzi?“, fragte er irritiert. Was denn das sei, wollte er wissen. Ihm das zu erläutern brachte mich fast an den Rande meiner Spanischkenntnisse..........."

 

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