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Weihnachten auf der Finca



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Allen Lesern von Unter Blau ein friedliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2012!
Als kleines Geschenk gibt es hier eine Leseprobe des zweiten Teils von Unter Blau - Haingeflüster. Scratch erzählt von seinem ersten Weihnachtsfest auf der Finca:

".....Am 24. badete ich mich in der heißen Mittagssonne; frischte ein wenig meine Bräune auf und versuchte mich auf die bevorstehenden Feierlichkeiten einzustimmen.Ich hatte noch alle Hände voll zu tun, ließ mich aber – auf ganz spanische Art – nicht aus der Ruhe bringen.

 Mein Lieblingssender übertrug ein Livekonzert von Ottmar Liebert, das mich schier ausflippte. Ich drehte immer lauter und lauter und schließlich hüpfte der kleine Ghettoblaster zu den Gitarrenanschlägen dieses begnadeten Musikers.

Dann begann ich mit den Vorbereitungen. In wenigen Stunden erwartete ich Oliver, Teresa, ihren Lutz, den Weltumsegler höchstpersönlich, Merce, Toni, der mittlerweile keine Freundin mehr hatte, und Marcos mit seiner Frau Antonia. Gloria und Dami wollten eventuell später, nachdem sie mit ihrer Familie gefeiert hatten, vorbeikommen. Das waren immerhin mindestens sieben Gäste, mit denen ich die Nochebuena, wie der Weihnachtsabend hier heißt, auf meiner Finca feiern wollte. Allerdings würde jeder etwas zu Essen mitbringen, sodass die ganze Arbeit nicht nur an mir hängenblieb. Ich schaffte Holz heran, polierte Weingläser, suchte Besteck und Servietten zusammen, schleppte Tisch und Bänke heran und postierte die Lichterkette auf der Fensterbank.

Den Vorabend hatte ich damit verbracht, ein Tiramisú zu schichten und Hackfleischbällchen knusprig braun zu braten und dann in einer Tomatensoße zu schmoren. Ich brauchte sie heute nur noch aufzuwärmen und als albóndigas servieren.

Frisch rasiert und geduscht entschied ich mich für mein einziges weißes Hemd zu schwarzer Jeans, um ein wenig feierlich rüberzukommen, denn Oliver hatte mich schon gewarnt.

“Wenn es hierzulande auch nur den geringsten Anlass gibt, sich festlich zu kleiden, dann tun die Spanier das mit Hingabe. Die putzen sich heraus wie Adelige für eine Gala, du wirst es sehen.”

Da war ich ja wirklich mal gespannt. Es war nun alles vorbereitet und mir blieb noch etwa ein halbes Stündchen Zeit. Draußen verabschiedete sich die Sonne mit einem dunkelrot getönten Winterhimmelspektakel.

Mir war danach, meine Mutter anzurufen. Zuerst öffnete ich jedoch den Umschlag. Darin steckte ein Überweisungsträger der Stadtsparkasse mit einer stattlichen Einzahlung auf mein Kölner Konto.

“Was machst du denn damit, weißt du das schon?”, wollte sie wissen, nachdem ich mich überschwänglich dafür bedankt hatte.

“Ich hätte hier so gerne ein Auto. Aber bevor ich mich entscheide, warte ich erst mal die Olivenernte ab.”

Sie jammerte noch ein wenig, dass ich ja ach-so-weit weg sei und sie mich nicht mal eben drücken könne, dann musste sie die Gans aus dem Ofen holen, die sie mit Joee und ihrem neuen Freund Mike, “…so einer mit Piercings überall…”, unter dem geschmückten Christbaum feiern wollte.

Pünktlich wie die Feuerwehr fuhr Oliver auf den vom Vollmond beschienenen Hof. Er hatte sich tatsächlich eine kleine, dunkelgrüne Fliege auf sein gleichfalls weißes Hemd gebunden, ein anthrazitgraues Sakko mit passender Hose darüber geworfen und trug neben einem auffälligen Ring seine frisch gewaschenen Haare als offene Mähne. Fast verschlug mir sein Anblick die Sprache, und wenn Tanja ihn so gesehen hätte, wer weiß, ob sie dann nicht doch die Sieben hätte gerade sein lassen und sich ohne Umschweife mit ihm vermählt hätte.

Ich kam mir gegen ihn richtiggehend schäbig vor. Dieser Selbsteindruck sollte sich im Laufe der nächsten halben Stunde noch verstärken. Teresa erschien im kleinen Schwarzen samt Geschmeide, Lipgloss und Parfumwolke. Ihr Lutz trug einen legeren Anzug, der schlicht und teuer wirkte, darunter ein kragenloses Designerhemd. Er strahlte mich aus seinen meerblauen Augen an, verzog sein straffes, seegebräuntes Gesicht zu einem ausgesprochen charmanten Lächeln und freute sich, mich kennenzulernen.

Die beiden hatten Merce im Schlepptau, die auf Stöckelschuhen ins Haus tänzelte und sich in einen Traum aus Pink gehüllt hatte. Mehrfach geschichtete hauchdünne Stoffbahnen wallten an ihr herab und in ihr Haar hatte sie sich kunstvoll ein funkelndes Diadem gesteckt. Toni und Marcos erschienen in blankgewienerten Lederschuhen und trugen Manschettenknöpfe und Einstecktuch. Die etwas pummelige Antonia steckte in einem türkisgrünen, dekolletéfreien Abendkleid und bedeckte ihre Schultern mit einem bodenlangen Paillettenschal. Und ich Depp begrüßte sie in den abgewetzten Hausschuhen meines Vaters. Aber egal. So war es eben.

Wir hielten uns an den Brauch des Landes und schenkten uns gegenseitig nichts. In Spanien ist es nicht der Weihnachtsmann, der die Geschenke bringt, sondern es sind Anfang Januar die Heiligen Drei Könige. Auf dem langen Tisch türmten sich Servierplatten, Schüsseln und ofenfeste Formen. Es gab Krabbencocktail, überbackene Jakobsmuscheln, Bohnensalat, Mozzarella-Tomaten mit frischem Basilikum, Lachs- und Aalhäppchen und sogar eine original Marseiller Fischsuppe – ein Rezept, das ein französischer Liebhaber, der nicht nur als solcher, sondern auch als Koch erhebliche Qualitäten besaß, Merce als einzig Dauerhaftes hinterlassen hatte, bevor er weiterzog.

Ungezwungen gaben wir uns den Köstlichkeiten hin, häuften uns Teller um Teller auf und plapperten dabei Katalanisch, Spanisch und Deutsch durcheinander. Ich konnte nun schon erheblich mehr verstehen und sagen; merkte, wie meine Büffelei Früchte trug. Ein Grund mehr, zu feiern. Wir gossen flaschenweise aller feinste Riojaweine und einen leichten Sekt aus dem Penedés in uns hinein. Es war weit nach Mitternacht, als wir endlich bei Nachtisch und Kaffee angelangten.

Dann ging das Licht aus. Ich hatte die Batterien zwar randvoll geladen, aber nun war kein Strom mehr da. Kurzzeitig löste die plötzliche Finsternis ein albernes Gekicher wie früher auf den pubertären Partys aus.

Wir saßen noch eine Weile im Kerzenschein und der Glut des Feuers. Toni und Marcos hatten sich in eine Diskussion über den aktuellen Bürgermeister verstrickt und zankten darüber, ob dieser nun Gutes oder Schlechtes für die Zukunft des Fischerdorfes tat. Teresa umgarnte ihren Lutz, der, glaube ich, nach dem ganzen Alkohol echte Probleme mit dem Schielen hatte. Merce thronte im Sessel nah am Feuer und nickte immer mal wieder ein. Oliver und ich besprachen uns zur Olivenernte. Er hatte ab jetzt zwei Wochen frei und wir wollten in dieser Zeit so viel wie möglich wegschaffen, wenn nicht sogar fertig werden....."

 

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